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Prägung

Nicht alle Informationen sind angeboren. Wo bekommt man als Katze etwas zu fressen – in einem Hinterhof, auf einem Bauernhof, aus einem Napf oder vom Tisch? Welche Situationen sind gefährlich, welche ungefährlich? Was ist ein Katzenklo? Und welche Verstecke sind tatsächlich ungefährlich?

Junge Katze in Rucksack

Damit sich eine Katze in ihrem Lebensraum zu Hause fühlt und ihn optimal nutzen kann, muss sie v.a. in den ersten Lebenswochen viel lernen. Innerhalb so genannter sensibler Phasen werden die Kätzchen auf bestimmte Lebensbedingungen geprägt. Man bezeichnet die entsprechenden Lernvorgänge daher als Prägung, bei Katzen eher als prägungsähnliche Vorgänge, da sie sich in einigen Details von der echten Prägung unterscheiden. Kätzchen lernen diese wichtigen Lektionen innerhalb mehrerer Wochen und ohne eine scharfe Abgrenzung zu einer lernfreien Zeit. Aber auch diese Informationen bleiben ihnen sehr lange im Gedächtnis. Junge Kätzchen saugen wie alle jungen Säugetiere Informationen geradezu auf wie ein Schwamm.

Sensible Phasen

Die unterschiedlichen Lerninhalte werden in jeweils eigenen sensiblen Phasen erlernt:

  • Etwa zwischen der zweiten und fünften Lebenswoche entsteht die Bindung zur Mutter (Mutter-Kind-Prägung). Übrigens findet zeitgleich eine Kind-Mutter-Prägung statt, in der die Katzenmutter eine enge Beziehung zu ihren Kitten aufbaut. Dies verdeutlicht einen wahrscheinlich hormonellen Einfluss auf die Prägungsvorgänge.
  • Eine Nahrungsprägung bei Katzen wird gelegentlich in der Literatur beschrieben, ist jedoch umstritten. Es sind schon einige Monate einseitiger Fütterung erforderlich, bis Katzen Vorlieben für bestimmte Futterarten oder -sorten entwickeln und anderes Futter nicht anrühren (Neophobie), insofern spricht man besser von Nahrungspräferenzen.
  • Von etwa der 2. bis zur 7. Lebenswoche findet eine so genannte Objekt- und Umweltprägung (Biotop- oder Milieuprägung) statt. Dann werden auch Vorlieben für Spielzeuge und die wichtigen und äußerst unterschiedlichen und vielfältigen Umweltreize langfristig erlernt. Dazu gehören z.B. Straßenverkehr, Tumult im Treppenhaus und die Geräusche diverser Elektrogeräte im Haushalt, aber auch Katzenklo und -streu, Hektik im Haushalt oder der Transport in einem Korb – oder Straßenverkehr, Maschinenlärm, freier Blick zum Himmel, Wind samt Geräuschen und Bewegungen, zahlreiche Gerüche, ...
  • Und die wertvolle Sozialisation.

Auswirkung auf das ganze Katzenleben

Eine reizvolle Umgebung in den ersten Lebensmonaten ist sehr wichtig für die Ausbildung von ausgeglichenen und nervenstarken Katzenpersönlichkeiten, die Veränderungen in ihrem Leben besser verkraften als isoliert und reizarm aufgezogene Artgenossen. Dabei müssen und sollten die Kätzchen nicht wirklich alles kennen lernen, was ihnen in ihrem späteren Leben eventuell begegnen könnte, sondern nur wichtige Grundlagen: unterschiedliche, auch wechselnde Bodenbeläge, Objekte, Strukturen, die alle Sinne und Fähigkeiten der Kätzchen ansprechen. Trotzdem ist dies meist nur begrenzt möglich.

Daher empfiehlt es sich, Kätzchen in Lebensbedingungen abzugeben bzw. aufzunehmen, die denen ihrer frühen Jugend ähneln.

Denn z.B. im Freien, etwa auf einem Bauernhof, aufgewachsene Kätzchen sind mit den Beschränkungen der reinen Wohnungshaltung deutlich unterfordert. Sie sind unter den ungewohnten Umweltbedingungen anfällig für Verhaltensauffälligkeiten, etwa Angststörungen oder umgerichtete Beuteaggression.

Junge Katzen sollten frühestens mit 12 Wochen in ein neues Heim umziehen und nur in oder mit Katzengesellschaft.

Man hört leider immer noch oft von Empfehlungen, junge Katzen schon vor der 7. Lebenswoche in ihr neues Heim abzugeben, damit sie "richtig" geprägt werden. Ein anderes Argument ist die Aufnahme fester Nahrung in diesem Alter. Allerdings ist der Übergang zwischen Milch- und fester Nahrung fließend und erfolgt über einen längeren Zeitraum. Außerdem säugt eine gut sozialisierte Katzenmutter ihre Jungen oft noch lange über deren 4. Lebensmonat hinaus, auch wenn in den letzten Wochen keine nennenswerte Milchmenge mehr produziert wird. Viel wichtiger für die Jungkatzen ist die Nähe zur Mutter, die Sicherheit vermittelt, und die dafür sorgt, dass sich der Nachwuchs zu einer ausgeglichenen und emotional stabilen Katze entwickelt.

Aus ethologischer Sicht ist eine verfrühte Abgabe nur in Notfällen akzeptabel, etwa wenn die Mutterkatze stirbt.

Kätzchen, die vor der 7. Lebenswoche entwöhnt und in ein neues Heim gebracht werden, entwickeln mit erschreckender Sicherheit Verhaltensstörungen, meist umgerichtetes Saugverhalten an eigenen Körperteilen (Schwanzspitze, Pfotenballen), Körperteilen von Sozialpartnern (Arm oder Hals des Besitzers) oder Gegenständen (Kissenecken, Wolldecken, Spielzeugen etc.), die sich nur sehr spät oder gar nicht "auswachsen". Oft werden solche früh entwöhnten Kätzchen später auch übermäßig ängstlich und/oder aggressiv und lernen schlecht. Viele sind außerdem krankheitsanfällig, leiden etwa oft an Asthma oder Magen- und Darmerkrankungen.

Ein früher und ausgiebiger Umgang mit Artgenossen führt außerdem zu einer guten Sozialisation gegenüber Artgenossen und damit dazu, dass sie sich auch als erwachsene Katze besser mit ihresgleichen verträgt – sie begegnet ihnen in ihrem Leben sehr wahrscheinlich wieder und verhält sich entsprechend sozial, gesellig – oder nicht.

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